Natürliche Gemeindeentwicklung

Unsere Seelsorgeeinheit auf dem Weg in die Zukunft

Eine andere Art, über Wachstum von Kirchengemeinden nachzudenken

Als katholischer Christ hat man zur Zeit nicht wirklich das Gefühl auf der Gewinnerseite zu stehen. Menschen verlassen in Scharen die Kirche und Rom tut sich schwer mit Reformen. Für die Verantwortlichen der Bruchsaler Seelsorgeeinheit Michaelsberg, die aus den Pfarrgemeinden in Untergrombach, Obergrombach, Helmsheim und Heidelsheim bestehen, aber kein Grund den Kopf in der Sand zu stecken. Vielmehr haben die gewählten Vertreter der knapp 8000 Katholiken gemeinsam mit dem Seelsorgeteam um Pfarrer Claus Bohnert beschlossen die Problematik offensiv anzugehen. Das Prinzip der Natürlichen Gemeindeentwicklung des Theologen Christian Schwarz hat die Bruchsaler Katholiken überzeugt. Und so startete man im Sommer mit der Befragung der verantwortlichen Mitarbeiter in den Pfarrgemeinden.

Natürliche Gemeindeentwicklung (NGE) ist ein Paradigma - eine Denkweise über Gemeinde- wachstum. Wachstum sollte sich nicht nur auf Quantität (Zahlen) beziehen, sondern auch – oder im Grunde sogar in erster Linie – auf Qualität (Gesundheit). Im Kern des Paradigmas steht die biblische Sicht, dass die Gemeinde ein lebendiger Organismus ist und nicht nur eine Organisation. Die Gemeinde unter organischen Gesichtspunkten zu betrachten, eröffnet eine andere Perspektive darüber, was Wachstum bedeutet.

Ein langfristiger strategischer Prozess

Natürliche Gemeindeentwicklung ist daher ein langfristiger strategischer Prozess zur Gesundung einer Gemeinde. Es ist ein Prozess der kontinuierlichen Verbesserung, nicht ein Programm, das bei exakter Anwendung eine "gesunde Gemeinde" garantiert. Es erfordert eine langfristige Verpflichtung.
   
Zentraler Bestandteil des Prozesses ist ein ausgereiftes Diagnose-Instrument, das Gemeinde-Profil, das hinsichtlich Validität und Reliabilität internationalen statistischen Standards entspricht. Eine jährliche Profilerhebung gewährleistet die regelmäßige Dokumentation von präzisen "Momentaufnahmen" der Gesundheit der Gemeinde. Ein solches Profil beruht auf der Bewertung durch Schlüsselpersonen, also den aktiven Ehrenamtlichen in der Gemeinde. Jede neue Profilerhebung ermöglicht der Gemeindeleitung, die Fortschritte der Gesundheit der Gemeinde gegenüber dem Vorjahr zu beurteilen und sich auf denjenigen Bereich zu konzentrieren, der im kommenden Jahr die größte Aufmerksamkeit benötigt. Bei umfangreichen Untersuchungen hunderter prosperierender Kirchengemeinden weltweit wurde eindeutig ein Zusammenhang zwischen dem Gesunden von Gemeinden und der Konzentration auf den jeweiligen „Minimumfaktor" belegt.

Am letzten Wochenende wurden die Ergebnisse der ersten Umfrage in den Pfarrgemeinden präsentiert. Dabei schnitten die vier Pfarrgemeinden zwar unterschiedlich ab, es war aber eine übereinstimmende Tendenz in den beiden Minimumfaktoren, den Schwachstellen also, erkennbar. Die erste Befragung erbrachte in der Seelsorgeeinheit im Bruchsaler Süden eine Konzentration auf die „leidenschaftliche Spiritualität" und „bevollmächtigende Leiterschaft".

Konkret will die Seelsorgeeinheit deshalb daran arbeiten, dass die Mitarbeiter in den Pfarrgemeinden sich besser unterstützt fühlen und konkret und individuell in ihren Aufgaben ermutigt werden. 

Spiritualität soll nicht nur im Gottesdienst, sondern vielmehr in allen Bereichen des Alltags erlebbar sein. Damit einher gehen soll auch eine größere Buntheit der Spiritualität. Zur christlichen Gotteserfahrung gibt es viele Zugänge – vielleicht soviele wie es Menschen gibt, die danach suchen. Dabei sollen die individuellen Ansätze der einzelnen Gemeinden berücksichtigt werden, aber eben auch die größeren Möglichkeiten der Seelsorgeeinheit zum Tragen kommen.

Ein hehres Ziel, aber genau der Aspekt, der den Mitarbeitern laut der aktuellen Befragung unter den Nägeln brennt. Die Ermittlung des Minimumfaktors hilft so den Verantwortlichen sich auf das tatsächlich Wichtige zu konzentrieren. So wird erlebbar, dass es Jesus um den Menschen geht – um jeden Menschen. Die Menschen sind also nicht für die Kirche da, sondern die Kirche für die Menschen. Christsein muss erlebbar sein – heute, hier und jetzt.

Die Christen der Seelsorgeeinheit Bruchsal-Michaelsberg jedenfalls haben begonnen das umzusetzen und bekanntlich beginnt auch die weiteste Reise mit dem ersten Schritt.

Arnd Schillinger, Vorsitzender des Gemeinsamen Ausschusses